Wertschätzung über Kulturen hinweg – warum wir nicht alle dasselbe brauchen

 

Was wir aus sieben Sprachräumen über Wertschätzung lernen können

Die Arbeitswelt wird internationaler, Teams werden vielfältiger . Und damit wächst eine Frage, die ich in Coachings immer häufiger höre: "Funktioniert Wertschätzung überall gleich?" Die kurze Antwort: nein. Die lange Antwort: spannend.

Eine aktuelle Auswertung des Motivating by Appreciation Inventory (MBAI) über sieben Sprachen hinweg zeigt deutliche kulturelle Unterschiede darin, wie Menschen Wertschätzung am liebsten empfangen. Und genau diese Unterschiede entscheiden darüber, ob eine Geste berührt oder verpufft.

Worte der Wertschätzung: In vielen Kulturen Nummer 1

In fünf von sieben Sprachgruppen waren Worte der Wertschätzung die bevorzugte Form, Anerkennung zu erhalten. Das gilt besonders für englischsprachige Länder, aber auch für viele europäische Kulturen. Wichtig: Selbst wenn Worte bevorzugt werden, mögen viele Menschen sie nicht öffentlich, sondern privat.

Hilfe & Unterstützung: In Thailand und der Türkei ganz vorne

Besonders spannend: Mitarbeitende aus Thailand und der Türkei bevorzugten Hilfe & Unterstützung als wichtigste Wertschätzungssprache. Das passt zu stärker kollektivistisch geprägten Kulturen, in denen praktische Unterstützung und gegenseitige Fürsorge einen hohen Stellenwert haben.

Quality Time: In einigen Kulturen weniger wichtig

In drei der untersuchten Sprachen wurde Quality Time deutlich seltener gewählt als in anderen Gruppen. Das zeigt: Gemeinsame Zeit ist nicht überall ein Zeichen von Wertschätzung. In manchen Kulturen zählt eher Effizienz oder praktische Unterstützung.

Geschenke: Überall am wenigsten wichtig

Überraschend einheitlich: Geschenke waren in allen sieben Sprachgruppen die am seltensten gewählte Form der Wertschätzung. Das bedeutet: Unternehmen, die Wertschätzung vor allem über Goodies oder Merchandise ausdrücken, investieren oft am Bedarf vorbei.

Und wie sieht das in Deutschland aus?

Die Recherche zeigt ein klares Bild:

  • Deutschland ist eine stark individualistische Kultur, in der Eigenständigkeit, Leistung und Klarheit hoch geschätzt werden.
  • Direkte Kommunikation ist typisch: Menschen erwarten klare Worte, keine Umschweife. Das erklärt, warum Worte der Wertschätzung hier besonders gut funktionieren.
  • Gleichzeitig ist Deutschland eine monochrone Kultur: Zeit, Struktur und Verlässlichkeit sind wichtig. Das bedeutet: Hilfe & Unterstützung wird als Wertschätzung wahrgenommen, wenn sie effizient, konkret und gut organisiert ist.
  • Studien zeigen außerdem, dass faire Teilhabe und Inklusion in deutschen Unternehmen zunehmend an Bedeutung gewinnen, aber noch nicht überall gelebt werden.

Wertschätzung spielt dabei eine Schlüsselrolle, weil sie Zugehörigkeit schafft.

Kurz gesagt: In Deutschland wirken klare Worte, konkrete Unterstützung und verlässliche Zusammenarbeit stärker als symbolische Gesten oder Geschenke.

Drei Beispiele aus meiner Praxis

Beispiel 1 – Internationales Projektteam: In einem globalen Projektteam arbeitete ich mit Teammitgliedern aus Deutschland, Kanada und Thailand. Während die deutschen und kanadischen Teammitglieder sich über klare, konkrete Worte freuten, reagierten die thailändischen Kolleg:innen viel stärker auf praktische Unterstützung, etwa wenn jemand ihnen Arbeit abnahm, bevor eine Deadline drückte. Erst als wir das verstanden, wurde die Zusammenarbeit wirklich rund.

Beispiel 2 – Führungskraft aus Brasilien: Eine brasilianische Führungskraft, die ich coachte, erzählte mir, dass sie schriftliche Anerkennung kaum berührt, aber gemeinsame Zeit mit dem Team unglaublich wertvoll findet. Für sie war ein gemeinsames Mittagessen ein viel stärkeres Zeichen von Wertschätzung als jede Dankeskarte.

Beispiel 3 – Deutsches Team mit französischer Kollegin: In einem deutschen Team fühlte sich eine französische Kollegin lange übersehen. Der Grund: Sie erwartete mehr verbale Anerkennung, während das Team Wertschätzung eher durch Unterstützung zeigte. Erst als wir das offen besprachen, fanden beide Seiten zueinander.

Mein Fazit: Wertschätzung ist kulturell geprägt

Die Daten zeigen klar: Wertschätzung ist universell wichtig – aber nicht universell gleich. Worte wirken in vielen Kulturen stark, praktische Unterstützung in anderen. Geschenke sind fast überall überschätzt. Für Deutschland gilt besonders: Klarheit, Verlässlichkeit und konkrete Unterstützung sind die stärksten Signale von Wertschätzung. Wer international arbeitet, braucht deshalb kein kompliziertes System, sondern Offenheit, Neugier und die Bereitschaft, zuzuhören.

 

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