Was tun, wenn du einen Kollegen wirklich nicht wertschätzen kannst?
Manchmal passt es einfach nicht: manche Kollegen sind schwierig, haben einen anderen Stil oder verhalten sich so, dass es uns irritiert.
Das ist normal. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Wertschätzung ist kein Zwang zur Heuchelei, sondern ein praktisches Werkzeug für Zusammenarbeit. Wir haben schon viel über die Vorteile von Wertschätzung am Arbeitsplatz gelernt. Doch in der Praxis ist die Umsetzung nicht immer einfach. Die gute Nachricht ist: Es gibt konkrete Schritte, die helfen, ohne dass wir unecht werden müssen.
Täusche nichts vor, denn Authentizität zählt
Versuche nicht, Wertschätzung vorzuspielen. Menschen spüren schnell, wenn Lob nicht echt ist; das untergräbt Vertrauen und macht die Situation schlimmer. Ehrlich sein heißt hier nicht, eine Abneigung laut auszubreiten, sondern keine falschen Gefühle vorzutäuschen. Wenn du etwas Positives findest, sag es klar und konkret. Aber nur, wenn du es wirklich meinst.
Reflektiere: Was genau stört dich?
Nimm dir einen Moment zur Selbstreflexion: Was genau irritiert dich? Verhalten, Kommunikationsstil oder Erwartungen? Ist es fachlich oder persönlich? Frage dich auch: Erwarte ich zu viel oder verstehe ich die Aufgaben und Rahmenbedingungen der Person? Oft hilft diese Klarheit, die eigene Reaktion zu relativieren und einen ehrlichen Einstieg in Wertschätzung zu finden.
Reflexionsfrage für dich: Welche konkrete Verhaltensweise stört dich am meisten und welche kleine, beobachtbare Eigenschaft könntest du stattdessen anerkennen?
Prüfe die Rahmenbedingungen, bevor du urteilst
Manchmal liegt das Problem nicht an der Person, sondern an fehlenden Ressourcen, unklaren Aufgaben oder privaten Belastungen. Hat die Kollegin die richtige Ausstattung, das nötige Training oder genug Zeit? Kleine Anpassungen, wie ein Upgrade der Technik, ein kurzes Coaching oder flexible Arbeitszeiten, können die Leistung deutlich verbessern. Bevor du also ein negatives Urteil fällst, kläre die Ursachen und biete Unterstützung an, wenn möglich.
Beispiel aus der Praxis: In meiner Vertriebszeit hatte ein Kollege wiederholt verspätete Reports. Erst als unser Teamleiter nachfragte, stellte sich heraus, dass seine CRM‑Zugänge fehlerhaft waren und eigentlich automatische Datenübertragungen nicht funktionierten. Ein kurzer IT‑Eingriff löste das Problem, die Reports liefen und die Beziehung der beiden entspannte sich.
Suche wertschätzbare Eigenschaften jenseits der Leistung
Echte Wertschätzung muss sollte nur an Produktivität hängen. Du kannst Eigenschaften anerkennen, die nichts mit Performance, Überstunden und KPIs zu tun haben: Ruhe in Stresssituationen, Zuverlässigkeit bei kleinen Aufgaben oder Durchhaltevermögen. Auch Aspekte außerhalb der Arbeit, etwa ehrenamtliches Engagement oder die Verantwortung als alleinerziehendes Elternteil sind legitime Anknüpfungspunkte. Solche ehrlichen, spezifischen Beobachtungen öffnen Türen, ohne unecht zu wirken.
Lerne die Person besser kennen, ohne dich zu verbiegen
Oft hilft ein kurzes, persönliches Gespräch: Hobbys, Herkunft oder Alltag können Gemeinsamkeiten sichtbar machen. Setze dir ein kleines Ziel: Finde in den nächsten zwei Wochen mindestens eine konkrete Sache, die du ehrlich wertschätzen kannst, und sag es in einem kurzen Satz. Kleine, echte Aussagen wirken oft mehr als große Gesten, die nicht von Herzen kommen.
Hier noch einmal zusammengefasst
- Nicht vortäuschen. Sei ehrlich, aber respektvoll.
- Reflektieren. Was genau stört dich? Sind deine Erwartungen realistisch?
- Ursachen prüfen. Liegt es an Ressourcen, Training oder privaten Belastungen?
- Wertschätzbare Eigenschaften finden, denn nicht nur Leistung zählt.
- Nähe schaffen. Ein kurzes persönliches Gespräch kann Türen öffnen.
- Kleine, echte Gesten. Ein konkreter Satz verändert mehr als ein allgemeines Lob.
Eine abschließende Reflexionsfrage: Welche eine Eigenschaft könntest du heute an einer herausfordernden Kollegin oder einem herausfordernden Kollegen ehrlich wertschätzen, und wie würdest du das konkret formulieren?
